Schneeweisschen und Rosenrot - eine Märchenbesprechung von Christa von Schilling

"Eine arme Witwe lebte einsam ..." , so beginnt das Märchen. Eine arme Frau, auch seelisch verarmt durch den Verlust der Lebensgemeinschaft mit ihrem Mann, lebt einsam, ganz auf sich selbst gestellt.
Aber nun geht es weiter: "...in einem Hüttchen, ..." . Ein kleines Haus bietet einen geschützten Innenraum.
" ... und vor dem Hüttchen war ein Garten, ..." . Nun kann man aus dem Hüttchen heraustreten in ein Stück lebendiger Erde.
" ...darin standen zwei Rosenbäumchen, davon trug das eine weiße, das andere rote Rosen." Keine bunte Fülle blühender Pflanzen hat dieser Garten , sondern gerade zwei so recht charaktervolle Rosenstämmchen.
" ... und sie hatte zwei Kinder, ..." . Immer weiter belebt sich diese kleine Welt.
Von den beiden Kindern heißt es: "... , die glichen den beiden Rosenbäumchen, und das eine hieß Schneeweißchen, das andere Rosenrot."

Rote Rosen sprechen in besonderer Weise unser Gefühl an. Würden wir sie jedem schenken?
Rot ist die Farbe des Blutes, des Feuers und der Revolution. Rote Gewänder standen den Königen, den Kardinälen und Richtern zu. Es ist aber auch die Farbe der Liebe, der Freude und des intensiven Lebens. "Vom dämonisch düsteren Saturnrot (...) bis zum süßen, engelhaften Marienrosa kann Rot alle Zwischenstufen vom unterirdischen bis zum himmlischen Leben zum Ausdruck bringen. Nur das Ätherisch-Seelische, Durchsichtig-Luftige ist ihm verschlossen." (J. Itten)

Rosenrots Schwester heißt Schneeweißchen. Frisch gefallener Schnee, in den noch niemand seine Fußstapfen getreten hat, gibt uns die Empfindung von Unberührtheit, wie wir sie wohl sonst in dieser sichtbaren Reinheit schwer finden können. Die einzelnen Schneekristalle bilden in unzähligen Variationen immer sechsstrahlige Sternformen. So findet sich in der unerschöpflichen Vielfalt der Ausformungen doch ein strenges Gesetz.
Für Wassily Kandinsky " ...ist das Weiß, welches für eine Nichtfarbe gehalten wird , (...) , wie ein Symbol einer Welt, wo alle Farben, als materielle Eigenschaften und Substanzen, verschwunden sind. Diese Welt ist so hoch über uns, dass wir keinen Klang von dort hören können. Es kommt ein großes Schweigen von dort (...) wie eine unübersteigliche, unzerstörbare, ins Unendliche gehende kalte Mauer, (...)ein großes Schweigen, welches für uns absolut ist." "...es ist großes Schweigen, aber voll Möglichkeit wie das Nichts vor der Geburt." (Das Geistige in der Kunst)
Unberührtheit und Sehnsucht nach der Ferne charakterisieren auch die Gestalt der Mignon in "Wilhelm Meisters Lehrjahre" (Goethe).
Mignons Lied:

"So laßt mich scheinen, bis ich werde;
Zieht mir das weiße Kleid nicht aus!
Ich eile von der schönen Erde
Hinab in jenes feste Haus.
Dort ruh ich eine kleine Stille,
Dann öffnet sich der frische Blick,
Ich lassse dann die reine Hülle,
Den Gürtel und den Kranz zurück."

Die Reinheit, das Licht, die Unberührtheit vor der Geburt aber auch der Tod gehören zum Weiß.

Ein glänzend weißes Kleid trägt auch das Kind, das Schneeweißchen und Rosenrot, als sie am Rand des Abgrunds aufwachen, an ihrem Lager sitzen sehen. Aber gleich entschwindet es ihren Blicken wieder. So scheint diese Begegnung ein Erlebnis zwischen Schlafen und Wachen zu sein.
Mit diesem Erwachen verlassen sie aber zugleich auch ihre kindliche Geborgenheit. Nie wieder ist der Wald für sie so ohne jede Gefahr nur schützend und nährend.
Nun werden die beiden Kinder etwas näher charakterisiert: " Schneeweißchen war nur stiller und sanfter als Rosenrot. Rosenrot sprang lieber in den Wiesen und Feldern umher, suchte Blumen und fing Sommervögel; Schneeweißchen aber saß daheim bei der Mutter, half ihr im Hauswesen oder las ihr vor, wenn nichts zu tun war."
Die Innenwelt der Hütte ist Schneeweißchens eigentliches Reich, während Rosenrot draußen alles Schöne, Farbige, Duftende und Flatternde sieht, sammelt oder einfangen möchte.
Zum Denken brauchen wir innere Konzentration, zum Wahrnehmen und Tun aber müssen wir aus uns herausgehen. Und es trifft auch hierfür zu, was über die beiden Kinder gesagt wird: "...dass sie sich immer an den Händen fassten ..." Will man nicht unbedacht handeln, gilt immer: "Was das eine hat, soll’s mit dem andern teilen."
"Denken und Tun", so läßt Goethe Montan in der Bergeshöhle zu Wilhelm sprechen (W. Meisters Wanderjahre), "Tun und Denken, das ist die Summe aller Weisheit, von jeher anerkannt, von jeher geübt, nicht eingesehen von einem jeden. Beides muss wie Aus- und Einatmen sich im Leben ewig fort hin und wider bewegen; wie Frage und Antwort sollte eins ohne das andere nicht stattfinden."

Rosenrot ist ein Sommerkind und bringt der Mutter den Sommer ins Haus. Schon früh morgens stellt sie ihr die Rosen ans Bett. Der frische Mut des Morgens und die Lust hinauszugehen begleiten sie.
Aber am Winterabend, wenn draußen die Flocken fallen, wer würde da nicht gern mit Schneeweißchen den Riegel vor die Türe schieben, an den Tag zurückdenken, an einem Feuer Geschichten lesen oder auch nur Ruhe zum Nachsinnen haben?
Gut tut es, am Abend seine Gedanken zu ordnen, sich Klarheit zu verschaffen, "reinen Tisch zu machen", aber auch das Feuer der Begeisterung immer neu zu entzünden und mit warmem Herzen Verständnis zu suchen.
Auch in der winterlichen Hütte sitzen Schneeweißchen und Rosenrot beisammen und spinnen. Mag sein, dass der "Gedankenfaden" im Beisein des "Lämmchens" und des " weißen Täubchens" eine besondere Qualität bekommt.

An einem solchen Abend klopft jemand an die Türe. Rosenrot ist es, die öffnet , die den Bären zuerst sieht und erschrickt. Und der Schrecken verbreitet sich im Hüttchen. Nur die Mutter bleibt ruhig und weiß schon: " ... er meint’s ehrlich."
Nun haben die beiden eine neue Arbeit: der Bär fordert sie auf, ihm das Fell rein zu kehren. Und aus ihrem Eifer wird bald sogar Mutwillen. Tüchtig walgern sie ihn durch und schlagen auf den gutmütig Brummenden sogar mit der Haselrute ein (Der Haselstrauch hat nach alter Bauernweisheit die Eigenschaft, Lebenskräfte heranzuziehen). Er aber läßt sich’s gern gefallen, erst als es ihm zu arg wird, spricht er die rätselhaften Verse : "Schneeweißchen, Rosenrot,
Schlägst dir den Freier tot."

Was für ein Tier ist der Bär? Schwerfällig, tapsig, brummig und gutmütig, auch ein bißchen neugierig und naschhaft, aber geschickt im Klettern und blitzschnell in der Reaktion, wenn er angegriffen wird. Er kann sich auf seine Hinterbeine erheben, "fechten" (H. v. Kleist, Über das Marionettentheater) und sogar tanzen lernen. Auf den Jahrmärkten früherer Zeit waren die Tanzbären eine beliebte Attraktion. Dann wirkt er tollpatschig menschenähnlich, aber immer zieht ihn die Schwere wieder herunter auf die Erde. Menschenähnlich ist auch, dass die Bärin zwischen den Vordergliedmaßen säugt.

In dem Grimmschen Märchen vom "Bärenhäuter" wird erzählt, wie der Teufel einen armen abgedankten Soldaten in die Bärenhaut steckt und ihm so viel Geld gibt, wie er will, denn er glaubt, dass die arme Seele den schweren Bedingungen eines Lebens in der Bärenhaut erliegen wird.
Unser Bär ist aber nicht arm, er hat Schätze zu behüten. Und nachdem die Kinder ihn einen Winter lang durchgewalgert haben, schimmert sogar kurz ein wenig Gold durch seinen Pelz.

Sein Widersacher ist nicht der Teufel, sondern ein böser alter Zwerg mit ellenlangem schneeweißem Bart. Dieser kleine, knochige, harte Kerl mit großem Kopf und dürren Gliedern bildet auch in seiner Erscheinung einen Gegensatz zu dem massigen Bären mit dickem, weichem Fell.

Als die Mädchen zur Arbeit des Holzsuchens wieder in den Wald gehen, hält er keine roten Beeren mehr für sie bereit. Jetzt begegnen sie dem an seinem eingeklemmten Bart "wie ein Hündchen an einem Seil" festgehaltenen, keifenden Zwerg , der "für das bisschen Speise, das unsereiner braucht, der nicht so viel hinunterschlingt als ihr, grobes, gieriges Volk!" gleich einen ganzen großen Baum spalten wollte. Gilt die Wut seiner eigenen Gier, die sich nicht mit Reisigsammeln zufrieden geben konnte, und ihn nun in diese missliche Lage gebracht hat?
In argloser Hilfsbereitschaft und mit erstaunlichem Gleichmut versuchen die Mädchen, den Widerling zu befreien. Aber nur Schneeweißchen mit ihrem immer bereiten Scherchen gelingt es. Sie kann "Rat" schaffen und schneidet den Bart ab. Doch statt sich zu bedanken, gerät der Zwerg fast außer sich vor Zorn über den Verlust seiner Barthaarspitzen.
Was für ein wunderbares Gerät ist doch die Schere! So bewundernswert es ist, wenn man einen Faden spinnen kann, so wird er doch eigentlich erst brauchbar, wenn man ihn im rechten Moment auch abzuschneiden versteht.
Trennen und Verbinden sind alltägliche Tätigkeiten unseres Verstandes, mitunter mit "messerscharfer" Logik.

Das kleine Männchen hat es auf die Schätze des Bären abgesehen, zuerst auf das Gold, das es raffgierig in seine dunkle Höhle unter die Erde schafft.
Am Gold "scheiden sich die Geister".
Was Schneeweißchen so berührt, als sie durch das aufgerissene Bärenfell Gold "durchschimmern" sieht, ist zu allererst das lichthafte Strahlen des Goldes.
Andrej Sinjawskij schreibt in "Iwan der Dumme": "Und so, (...) wie Kinder ihre Ärmchen nach allem ausstrecken, was leuchtet und funkelt, (...) so offenbart das Märchen seine innigste Verwandtschaft mit dem Licht. Seine Bilder funkeln und schimmern: Goldenes Haar, goldene Federn, goldene Schuppen, goldene Mähne, goldenes Dach – alles Zeichen der Zugehörigkeit zum höchsten, kostbarsten Lichtglanz. (...) Das Märchen weiß nichts von gelehrter Terminologie, es ist schlichter, direkter und bedient sich vorwiegend des Goldes und des Feuers. Aber eigentlich geht es ihm um Etwas, das leuchtender und schöner ist als Gold und reiner als Feuer, und wenn es davon erzählt, stößt es jedesmal gegen die Materie der Sprache ..."
Wenn wir von einem "goldenen Herzen" sprechen, denken wir auch nicht an einen materiellen Wert.

Das nächste Mal treffen die beiden Mädchen den Zwerg am Fluss, und wieder ist er an seinem eigenen Bart gefangen. Rosenrot ist es, die den Kontakt herstellt, ihn als erste anspricht. Aber dann benutzt Schneeweißchen wieder ihre Schere, und ein weiterer Teil des Bartes fällt ihr zum Opfer
.
Die Flusslandschaft ist ein ganz anderer Ort als der Wald mit seinen großen feststehenden, tief verwurzelten Bäumen und seiner schwer zu durchdringenden Dunkelheit, in der man sich verirren kann. Sprudelndes Quellwasser ist ganz klar. Hindert man den Fluss nicht in seiner Eigenbewegung, so reinigt er sich auch ständig selbst wieder von unterwegs aufgenommenen fremden Stoffen und Trübungen.
Da, wo alles "im Fluss" ist, kann einem aber auch mal das "Wasser bis zum Halse" stehen, und hat man keinen "Auftrieb" mehr, droht man "ganz darin unterzugehen". Man muss erst wieder "Oberwasser bekommen", damit nicht "die Wogen über dem Kopf zusammenschlagen". Manchmal muss man auch "gegen den Strom schwimmen". Wenn dann endlich ein "Ufer in Sicht" ist, kann man wieder "obenauf schwimmen" oder in "Wohlgefühl baden". "Stille Wasser sind tief", aber plötzlich können "Zorneswogen aufwallen". Das Herz kann "überfließen" vor "strömender Liebe" oder in "grundlos tiefe Trauer versinken", dann ist man "nah am Wasser gebaut". Schlimm ist es, wenn "alle Quellen versiegen" oder wenn man nur noch "im Trüben fischt". Dann hilft nur, "wie ein Fels in der Brandung zu stehen" oder "zu neuen Ufern aufzubrechen".
In unserer bildhaften Sprache zeigt sich eine innere Verwandtschaft unserer Gefühlswelt mit dem fließenden Wasser.
"Des Menschen Seele
gleicht dem Wasser:
Vom Himmel kommt es,
zum Himmel steigt es,
und wieder nieder
zur Erde muß es,
ewig wechselnd ..."
Goethe

In diesem Bereich ist es nicht Gold, das der Zwerg fortschleppt, sondern ein Sack voll Perlen. Nur hier kann er sie finden. Perlen wachsen in Muscheln, in die ein Fremdkörper eingedrungen ist und eine Verletzung verursacht hat. Die Muschel sondert diesen Fremdkörper nicht einfach aus, sie ummantelt ihn mit dem Besten, was sie hat, mit ihrem schimmernden Perlmutt. Sie "verinnerlicht" das schmerzende Fremde und verwandelt es. Dabei entsteht die schimmernde Perle: Licht, das in der Dunkelheit gewachsen ist.
So verwandeln sich auch die Tränen der "Gänsehirtin am Brunnen" in Perlen, "schöner als sie im Meer gefunden werden", und bilden zum glücklichen Ende einen unermesslichen Reichtum.
Aber diese leidvoll errungenen Schätze sind bedroht, denn auch in die Fluss-Seelenlandschaft ist der Zwerg eingedrungen und schafft die Perlen beiseite.
Wieder finden ihn die Mädchen an seinem Bart gefesselt und im Kampf mit einem Fisch. Nur Schneeweißchens Schere kann ihn befreien, aber er verliert dabei gleich den "besten Teil" seines stolzen Gesichtsschmuckes und darf sich vor den Seinigen "gar nicht mehr sehen lassen"!
Was bedeutet ihm sein weißer, alter, ellenlang bis auf die Erde herunterhängender Bart? Die Erde ist sein Bereich. Mit großer aber kalter Intelligenz und Habgier schafft er alles Kostbare, Strahlende in die Dunkelheit seiner Erdhöhle. Was einmal der lichten Welt angehörte wird in seinen Händen Teil der Erde. Betreiben wir nicht auch oft das Handwerk des Zwerges, wenn wir z.B. die erstaunlichen Lebensvorgänge allein von der materiellen Seite her betrachten, erklären und beeinflussen wollen?
Aber mit jedem Schnitt von Schneeweißchens Schere verliert der Zwerg nicht nur ein Stück seines Bartes, sondern - wie Samson, als ihm Dalila das Haar geschnitten hat - auch seiner Kraft.

Der dritte Auftrag der Mutter führt die Mädchen über die einsame Heide, in der "hier und da mächtige Felsbrocken zerstreut lagen". Nach dem lebensvoll bewegten Wasser nun die harten Felsen und die große einsame Weite. Weit und licht ist auch der Himmel über ihnen, wo in hohem Flug der Adler kreist. Mit scharfem "Adlerblick" erspäht er aus der Höhe seine Beute, und stößt dann blitzschnell und zielsicher herab.
Wachheit und Beherrschung des Willens finden wir in diesem Bild. Möchten wir nicht gern in unseren geistigen Bemühungen dem Adler gleichen: uns zum "Gedankenflug" erheben können, einen weiten, klaren Überblick haben, alle Dinge mit Scharfsinn erspähen , kraftvoll begreifen und wo es nötig ist, eine blitzschnelle zielsichere Entscheidung fällen, Geistesgegenwart besitzen?
Nach dem Kampf mit dem Adler sind es weder Gold noch Perlen, sondern Edelsteine, die der Zwerg in seinem Sack wegschleppt.
In den Edelsteinen, den schönen schimmernden Kristallen der Erde, finden wir lichtdurchlässige, das Licht brechende und sammelnde, durchlichtete Materie. Man spricht auch von dem "Feuer" eines Diamanten.
Am Ende eines langen Gedankenprozesses sagen wir auch: Es hat sich "herauskristallisiert ..."

Hier in der Heide geht es dem Zwerg schon kräftig an die Haut, ist doch sein Röckchen ganz zerschlissen nach dem Kampf mit dem Adler. Nun ist er für den Bären überwindbar, und die Erlösung kann endlich geschehen.

Der einsame Heideweg ist für die Mädchen ein Durchgang zur Stadt. Tragen sie ihre Erfahrungen und Erkenntnisse zu den Menschen?