Die Marionettenbühne Hurleburlebutz

Im rechten Augenblick die richtige von drei weißen Tauben zu ergreifen, eh‘ sie für immer vorbeigeflogen sind, - diesen Auftrag erteilt das graue Männchen der Prinzessin im Märchen "Hurleburlebutz".

So mußte auch ich einmal zugreifen, ohne schon zu wissen, was daraus noch werden würde: Ein erstes kleines gemeinsam mit Freundinnen für unsere Kinder vorbereitetes Puppenspiel wurde so etwas wie meine "weiße Taube". Denn aus diesem unscheinbaren und eher noch improvisierten Anfang entwickelte sich eine jahrelang wachsende Aufgabe, eine Arbeit, von der sich zeigte, daß sie auf ihre Art die Augen öffnet für dringende Probleme in unserer Zeit.

Schon in den Anfängen haben wir unsere kleine Wanderbühne an sehr vielen verschiedenen Orten aufgebaut, z.B. auch in dem Flur einer Erziehungsberatungsstelle in einem sozialen Brennpunkt. Nachdem wir die Zerstörungen gesehen hatten, zu denen die dort betreuten Kinder fähig waren, warteten wir doch etwas bang auf unsere Zuschauer. Als sie schließlich kamen und statt erwartungsvoll zu tuscheln, lauthals einen damals gängigen Schlager grölten, brauchten wir schon etwas Mut, den Vorhang für das kleine "harmlose" Rotkäppchen zu öffnen. Um so erstaunlicher war es dann zu erleben, daß ein kleines Püppchen diese Kinder zu "verzaubern" – vielleicht kann man besser sagen: zu "entzaubern" vermag.
Einer Entzauberung ähnlich wirkte unser kleines Puppenspiel dann auch auf eine Gruppe schwerbehinderter Kinder, die wenigstens für diese kurze Zeit wie von ihrer Last befreit waren.

Solche Erlebnisse führten schon bald zu weitergehenden Fragen nach den Möglichkeiten und der Verantwortung des zunächst aus reiner Freude begonnenen Spiels. Die Notwendigkeit regelmäßiger Proben als unabdingbare Voraussetzung für die wachsende Anzahl von Aufführungen machte eine bewußte Entscheidung jedes einzelnen nötig, diese Aufgabe anzunehmen – oder eben nicht. So bildete sich daraus der erste vom nur privaten Interesse unabhängige Puppenspieler-Kreis. Mit wechselnden und jahrzehntelang treuen Mitarbeitern - vom jungen Mädchen (oder auch Mann) bis zur Großmutter - besteht die Bühne nun schon 30 Jahre. Und in all der Zeit ist die ursprüngliche Freude weiter lebendig geblieben, und hat uns über manche Schwierigkeit und Mühsal, die es auch gab, hinweggeholfen.

Für die Gestaltung der Puppen und Kulissen bot mir mein 1964 abgeschlossenes Studium in der Illustrationsklasse der Meisterschule für Graphik in Berlin gute Voraussetzungen. Schon dort hatte ich mich mit Märchenbildern beschäftigt.

Die Größe bzw. Kleinheit unserer Bühne – das Bühnenfenster ist nur 1,20 m breit und 0,50 m hoch – ergab sich anfangs aus den beengten äußeren Bedingungen sowohl des Probenraums als auch der Aufführungsorte. Die Bewegungsfreiheit unserer im Verhältnis dazu recht großen Puppen ist darum auch begrenzt. Umso mehr konzentrieren wir uns auf den Ausdruck der inneren Bewegung, auf die sprechende Gebärde.

In der Führung unserer ca. 40 cm großen Marionetten versuchen wir, von sparsamen, aber deutlichen Haltungen und Gesten möglichst intensive Wirkungen ausgehen zu lassen und mit Humor und unterschiedlichen Temperamenten das Spiel zu beleben. Dabei bringen die verschiedenen Farbstimmungen, die wechselnde Beleuchtung und nicht zuletzt die Musik und die Sprache die Ereignisse des Märchen auf ihre Art zur Erscheinung.
Gerade im Märchen-Puppenspiel sehen wir die Möglichkeit, auf die heute so strapazierten Sinne der Kinder harmonisierend und sensibilisierend zu wirken und ihrem berechtigten Bildhunger eine unerschöpfliche Nahrung zu bieten. Die unauslotbaren Märchenbilder können mit ihnen mitwachsen und ihnen eine innere Stärkung sein. "Bilder sind das einzige, wodurch das Unfaßbare zu uns spricht, nur durch Bilder schlüpft es in uns hinein", sagt Erhard Kästner im Zeltbuch von Tumilad, und weiter: "Die Seele ernährt sich von Bildern: so ist es seit uralter Zeit. Bild muß werden, was aus Einsicht, Erfahrung, Ahnung und Kenntnis erwächst, sonst ist es tot. Nur wer Wahrheit im Bilde besitzt, hat sie ganz."

Die Bühne gibt im In- und Ausland (Gastspielreisen nach Italien, Kroatien, Polen, Tschechien, Österreich und der Schweiz) ca. 65 Aufführungen pro Jahr. Auch in diesem Jahr planen wir wieder eine Tournee nach Polen (u.a. Krakau und Warschau).
Neben der Wanderbühne verfügen wir auch noch über eine feste Bühne im Bochumer Stadtkern, deren öffentlich angekündigte Aufführungen (meist nur zweimal im Jahr) stets gut besucht werden.

Christa von Schilling